Eine endlose Suche

Am Anfang fühlen sich viele Dinge, Personen oder Tätigkeiten sehr gut an. Herman Hesse sagte wohl, dass jedem Anfang ein Zauber inne wohnt.

Es ist gut, dass wir am Anfang nicht wissen, ob aus einer Sache etwas wird – sonst würden wir vielleicht irgendwann die Lust an Anfängen verlieren. Dabei sind Anfänge für jeden von uns so wichtig.

Ich vermute, du kennst auch Dinge, die sich im Laufe der Zeit – früher oder später – als nicht so verheißungsvoll und gut darstellen, wie sie zu Anfang waren. Das ist das Leben und Erfahrung. Wir lernen stetig dazu und so entwickelt sich unsere Persönlichkeit.

Es gibt eben Menschen, die mögen Schokoladeneis und es gibt Menschen, die mögen Erdbeereis. Alle haben mal mit beiden Sorten angefangen und sich irgendwann entschieden, was sie mögen und was nicht. Manchmal mag man auch Erdbeer nicht so richtig aber alle Jubeljahre isst man es trotzdem. (Metaphern mit Eis machen mich hungrig ☺️)

Ich beschäftige mich eigentlich schon mein ganzes Leben mit der Achtsamkeit im Leben. Ich bin sensibel und feinfühlig. Nicht immer war das ein Vorteil. Nicht immer war es Schokoladeneis. Seitdem ich mich jedoch intensiver mit Persönlichkeitsentwicklung und der Suche nach dem inneren Frieden begeben habe, stelle ich fest, dass dieser „Markt“ gerade stark wächst.

Instagram, Facebook, Podcasts, Literatur, Fernsehsendungen, Zeitschriften, Blogs und Postkarten im Laden quellen über von Themen rund ums Glück, Frieden, Fülle, Liebe und Achtsamkeit. Ich liebe diese Trend.


Gestern sah ich durch Zufall die neue Netflix-Show von David Lettermann. Sein erster Gast war der 44. Präsident der USA Barrack Obama. Ich habe die Show inhaliert und es tat unglaublich gut, dass der einst mächtigste Mann der Welt tickt wie du und ich und sehr bodenständig geblieben ist und eine Menge Humor aber auch Ernsthaftigkeit und Würde verkörpert.

Er sprach von einem anderen Thema aber im Kern traf es meine Freude darüber, wie sich gerade Liebe, Frieden und Stille in unserer Gesellschaft breit machen. Im Internet fangen die Trends für Nerds und Fachleute an…und wir sind jetzt schon am Anfang des normalen Alltagslebens, wenn in jedem Postkartenständer die Zitat-Karten zu kaufen sind, die es bis vor wenigen Monaten nur auf Insta und Facebook mit den Hashtags #liebe #achtsamkeit #gratitude gegeben hat.

Ich schweife ab.

Obama erzählte vom Marsch von Selma, Alabama im März 1965, bei dem ca. 600 schwarze Amerikaner über eine Brücke laufen mussten, um sich für die Wahl im Ort Montgomery auf der anderen Flussseite – registrieren zu lassen. Die Polizei griff ein und es gab viele Verletzte. Der Tag ging als Bloody Sunday in die Geschichte ein.

Aber die Kraft war entfesselt und so wurde ein zweites und drittes Mal versucht über die Brücke zu den Wahlurnen zu gelangen. Auch der zweite Versuch 2 Tage später musste von Martin Luther King abgebrochen werden, weil die weißen Politiker ihn dazu zwangen. Nach dem zweiten Versuch gab es einen Lynchmord an einem schwarzen Geistlichen.

Am 21. März im selben Jahr kamen über 25.000 Menschen für den dritten Versuch zusammen und gelangten – beschützt von der National Garde – an ihr Ziel.

Kommen wir zurück zu Obama: Er sprach mit Dave Lettermann darüber, dass er es interessant findet, dass die Wahlbeteiligung in der größten Demokratie der Welt gleichzeitig die geringste weltweit ist. Und er erzählte aus Erfahrung, dass man die Menschen natürlich mobilisieren kann, etwas zu tun. Aber wenn die Barrieren zu groß werden, kann man niemanden „zwingen“ etwas zu tun. Er sprach von der alleinerziehenden Mutter, die neben 3 Jobs versucht, ihr Kinde zu erziehen, es schneit und der Bus hat eine Panne. Wird sie sich die Zeit nehmen, wählen zu gehen?

Obama schloß den Gedanken, indem er ausführte, dass sich Bewegungen und Verhalten in einer Gesellschaft etablieren müssen und wachsen müssen, dass es zur Normalität wird, dass man Dinge tut.

Als damals so viele Menschen unter der Rassentrennung leiden mussten und es eine Gefahr war, Wählen zu gehen, wuchs das Verlangen in bestimmten Bevölkerungsgruppen so stark, dass man wählen gehen wollte – koste es was es wolle.

Wir werden derzeit von allen Seiten mit Glücksbotschaften, Meditationen, Kalendern, Hörbüchern, Posts und Büchern überschüttet was das Thema Glücklichkeit angeht. Jeder will glücklich sein. Jeder ist auf der Suche nach dem Glück. Jeder meint, dass da, wo er jetzt ist, Optimierungsbedarf oder zumindest Optimierungsmöglichkeiten bestehen.

So haben wir es gelernt – so sind wir aufgewachsen und es liegt in der Natur des Menschen, zu streben.


Mir persönlich werden einige dieser Strömungen und Impulse gerade etwas zu viel. Anscheinend ein Problem der inneren Abgrenzung. Informationoverflow. Zu viel des Guten. Es gibt wenig konstante Koryphäen, die einem Leitplanken geben und die es mir leichter machen in diesem riesigen Markt einen Überblick zu behalten. Es fühlt sich an, als ersticke man an all den Angeboten, Vorschlägen, Vorbildern, must haves und Empfehlungen. Man sammelt und sammelt Bücher, Artikel und die Liste von „muss ich noch lesen“, „muss ich noch hören“ wächst und wächst und begräbt uns unter eine Liste der Zukunft und lässt uns um Hier und Jetzt in der Gegenwart als unvollständig und ausharrend zurück. Als hätte man nie etwas fertig. Als wäre es nie genug. Als hätte man eine mächtige Wissens- und Seins-Lücke, die es zu füllen gibt. Als habe man verlernt zu leben oder gar man selbst zu sein und wollte sich das durch (unbestätigte) eigentlich wildfremden Menschen zeigen lassen.

Ich habe kürzlich darüber geschrieben, dass ich aktuell bewusst darauf verzichte mir Vorsätze oder Ziele zu setzen. Das hat auch damit zu tun, dass ich es für mich ablehne zu glauben, dass wir auf ein Paradies hinarbeiten. Ich vermute, 90% der Angebote aktuell sind wirtschaftlichen Interessen ausgesetzt und wollen Programme, Bücher, CD’s oder Seminare verkaufen. Natürlich sprechen diesen Anbieter und Menschen genau von den „Problemen“ und Sorgen, die in uns vibrieren…wir springen darauf an, weil wir die Lösung so sehr wünschen. Aber es ist wie die Brigitte Diät –> Man spielt nur mit den Träumen und Wünschen, Ängsten und Sorgen der Menschen und bietet Allgemeinplätze als Lösung an und tut so, als wäre das ganz neu und der Stein der Weisen. Dabei weiß wirklich jeder, der ein paar Pfunde zu viel auf den Hüften trägt: Iss gesund, iss weniger und beweg dich und deine Strandfigur wird kommen. Sicher. Das eigentlich Problem – welches aber kein Programm und keine Brigitte lösen kann – ist die eigene Disziplin bzw. der Prozess, dass aus diesen Wunsch eine Verhaltensänderung wird, die nur von Innen gesteuert wird. Dann ist es kein Schokoladenverzicht oder Pizzaauszeit sondern eine natürliche Entscheidung für etwas Anderes. Nicht Gegen.

Und genau so ist es mit dem Glück, dem Frieden und der Ruhe: Du und ich tragen es längst in uns und wissen ganz genau wie es geht. Aber wir haben die innere Motivation verloren, weil das Leben aktuell wirklich ziemlich rau, schnell und grell ist. Also hoffen wir auf den quick fix für ein Problem, was wir gar nicht haben! Wir lieben es Probleme zu lösen und ständig „online“ zu sein, denn wir haben (fast alle) verlernt, mit Stille und Nichtstun umzugehen. Und wir haben verlernt zu wissen, dass wir so wie wir sind in Ordnung sind. Aus WERDEN und ZIEL wird SEIN und HIER. Eine Lernstrecke, die die Menschheit gerade kollektiv neu erfährt und sich selbst immer mehr in die Richtung drückt.


Viele Probleme, die wir glauben zu haben, existieren nur in unserem Kopf und sind keine Probleme.


Dieser Artikel nahm einige Wendungen, die ich am Anfang nicht geplant habe. Ich hoffe, er hat dir trotzdem gefallen und du hattest eine gute Zeit beim Lesen.